Aaron Gähwiler
verrät im Lehrlings-Domino, wie er mit Druck umgeht.
In der Liegenschaft zum Turm ist statt des Musikschul- und Kulturzentrums nun ein Gesundheitszentrum geplant. ⋌le
Nach der Bekanntgabe des Projekts Gsundstadt in der Liegenschaft zum Turm werden aus der Politik Forderungen nach einer Lösung für die zuvor gescheiterte Musikschule laut. Die Bildungskommission formulierte diese in einer Motion. Nun liegt eine widersprüchliche Antwort des Stadtrats vor.
Wil «Es gilt mehr denn je, das Wünschbare vom Nötigen zu trennen», heisst es in der Antwort vom Stadtrat auf die Motion der Bildungskommission (BK). Sie fordert darin eine Lösung für ein Musikschul- und Kulturzentrum. Aufgrund der finanziellen Lage der Stadt Wil setzt der Stadtrat klare Prioritäten: Die strategische Schulraumplanung konzentriere sich aktuell auf die Kindergärten, Primarstufe, Tagesstrukturen und Sporthallen. Erst danach folgen die Thematiken der Oberstufen und der Musikschule. Doch mit dieser Reihenfolge ist die Bildungskommission alles andere als einverstanden. «Es ist nicht sachgerecht, diese Aufgabenbereiche gegeneinander auszuspielen», sagt Dora Luginbühl in ihrer Funktion als Präsidentin der Bildungskommission. Für die Musikschule sei eine Lösung im Turm in Aussicht gestanden, weshalb sie nicht in die strategische Schulraumplanung integriert wurde, argumentiert sie.
Doch von vorne: Das Grundstückstauschgeschäft für die Realisierung des Gesundheitszentrums der Evoluo AG in der Liegenschaft zum Turm wurde vergangenen Donnerstag im Stadtparlament zwar angenommen – jedoch nicht, ohne, dass Kritik zum zuvor gescheiterten Musikschulprojekt geäussert wurde (Seite 22). Es herrscht Sorge, dass Musik und Kultur nun auf der Strecke bleiben. Aus diesem Grund hat die SP-Parlamentarierin Dora Luginbühl im Namen der Bildungskommission bereits kurz nach der Vorstellung der Projektidee Gsundstadt eine Motion an den Stadtrat eingereicht (WN vom 18.12.2025). Darin fordert sie einen Bericht und Antrag zum Bau und Betrieb eines Musikschul- und Kulturzentrums.
Die Nutzung des «Turms» als Gesundheitszentrum mit öffentlicher Erdgeschossnutzung sei für Wil zweifellos gewinnbringend – dem anerkannten Bedarf nach zeitgemässen Räumlichkeiten für die Musikschule sowie Probe-, Atelier- und Lagerräumen für Kulturschaffende und -vereine könne das Projekt der Evoluo AG jedoch keine Rechnung tragen, argumentiert Luginbühl in ihrem Schreiben an den Stadtrat. Die BK-Präsidentin betont die Wichtigkeit eines Musikschul- und Kulturzentrums für die Äbtestadt, weshalb die Investition nicht von der momentanen Haushaltslage abhängig gemacht werden dürfe. Doch genau dies tut der Stadtrat, wie in seiner Antwort auf die Motion ersichtlich wird: «Die Finanzlage der Stadt Wil erlaubt derzeit nur dringend notwendige Projekte. Dies wird sich auch in den kommenden Jahren kaum ändern», so der Stadtrat. Er beantragt deshalb, die Motion als nicht erheblich zu erklären. Die zusätzliche Arbeit an einem Musikschul- und Kulturzentrum sei mit einem enormen planerischen Aufwand verbunden und die Finanzierung eines allfälligen Projekts weder für den Bau noch für den Betrieb im Finanzplan abgebildet – und auch nicht in der Motion ausgewiesen. Darüber hinaus stellt der Stadtrat den Bedarf einer neuen Musikschule grundsätzlich in Frage.
Mit dem Musikschulgebäude Haldenstrasse und in den Räumlichkeiten im Lindenhof verfügt Wil gemäss dem Stadtrat über genügend Schulraum für den Musikunterricht. Es würden zwar teilweise enge Raumverhältnisse und schalltechnische Herausforderungen bestehen, weshalb eine Optimierung dieser Räumlichkeiten überprüft werden könne. Hochwertiger Musikunterricht sei aber nach wie vor gewährleistet. Braucht es also gar keine Musikschule? Tatsächlich hat der Stadtrat den Handlungsbedarf noch vor einigen Jahren klar anerkannt. Bedarf war ausgewiesen In der Stellungnahme des Stadtrats auf die Motion 140 von Sebastian Koller vom 21. November 2019 sagt der Stadtrat klar, dass die beiden Standorte den räumlichen Anforderungen einer zweck- und zeitgemässen Musikschule nicht gerecht seien. Zudem würden zwei Standorte die Organisation des Betriebs erschweren und zu Doppelspurigkeiten führen. «Für die Verantwortlichen ist es klar, dass für die Musikschule der Stadt Wil in den nächsten Jahren eine bessere und damit zeitgemässe räumliche Lösung und dies an einem zentralen Standort angegangen werden muss», so die Antwort des Stadtrats vor gut fünf Jahren. Auf diese Haltung bezieht sich auch Dora Luginbühl, auf Anfrage dieser Zeitung: «Die Bildungskommission hält diese Beurteilung weiterhin für zutreffend. Dass der Stadtrat nun plötzlich das Gegenteil behauptet, ist irritierend und unglaubwürdig.» Dafür spräche auch die Überprüfung einer Musikschule im «Turm», welche der Stadtrat vergangenen Sommer beerdigte.
Luginbühl ist sicher: «Die heutige, ablehnende Haltung des Stadtrats ist rein finanziell motiviert.» Aktuell würden die Entwicklungen in der Stadt unter rein finanziellen oder spartechnischen Aspekten beurteilt. Dies führe langfristig unter anderem zu einem Abbau bei Bildung und Kultur. Dass in der Motion weder konkrete Vorschläge zum Standort noch zur Finanzierung oder zum Betrieb der Musikschule genannt werden, habe die bewusst offene Formulierung zum Grund. «Wären die Vorgaben im Motionstext konkreter, würde sich der Stadtrat sicherlich auf den Standpunkt stellen, diese seien zu einschränkend», so Dora Luginbühl. Die Möglichkeiten der Bildungskommission sind laut ihrer Präsidentin mit der Motion ausgeschöpft. «Mit einer Ablehnung würde das Parlament den Status quo zementieren», weiss Luginbühl. Der Impuls für eine Veränderung könne dann nur noch aus der Bevölkerung kommen.
Linda Bachmann
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