Walter Gysel
stellt den Chor Mundo Unido im WN-Vereins-Domino vor.
Im Hof zu Wil wird bereits seit zwei Jahren gesägt, geschraubt, gegipst und gepinselt – doch welche Arbeiten werden auf der Baustelle im Wahrzeichen der Äbtestadt tatsächlich durchgeführt? Und welche Handwerksspezialistinnen und -spezialisten stecken dahinter?
Hof zu Wil Auf dem Boden liegen unzählige Kacheln mit verschiedenen Grössen, Formen und Blautönen. Auf jeder einzelnen klebt ein kleines Stück gelbes Klebeband mit einer aufgekritzelten Nummer. Im Nebenraum steht der Ofen, zu dem die vielen Einzelteile gehören: Ein Neobarocker Kachelofen der Hafnerdynastie Keiser aus Zug aus dem 19. Jahrhundert. Annika Sutter biegt gerade mit einer Zange ein Stück Draht zu einer Klammer zurecht und befestigt sie an der Innenseite des Ofens. «Damit werden die Kacheln fixiert, sodass sie trotz der hohen Temperaturen und der damit verbundenen Materialausdehnung an Ort und Stelle bleiben», erklärt sie. Die 22-Jährige absolviert gerade das dritte Lehrjahr bei der Hafnerei Mischa Casanova. Ihr Lehrbetrieb hat sich auf historische Öfen spezialisiert. Im Wiler Wahrzeichen gibt es zwölf Kachelöfen aus verschiedenen Zeitepochen. Einige davon wurden und werden von verschiedenen Hafnerinnen und Hafner die für oder mit der Hafnerei Casanova arbeiten hergerichtet. Die einen funktionstüchtig nach traditioneller Bauweise, andere als Beispiel und Präsentation im musealen Kontext.
Der Keiser Ofen hat zuvor in Winterthur gestanden, weiss Annika Sutter. «Nicht alle Kacheln haben den Abbau und den Transport unbeschadet überstanden. Wir mussten deshalb einige fehlende Kacheln ergänzen», erklärt die Lernende Hafnerin und deutet auf eine kleine Keramikplatte im Anschluss zur Wand (Bild 3). Beim genaueren Hinsehen sind bei den Malereien auf der Kachel feine farbliche Unterschiede zu denjenigen auf dem Rest des Ofens zu erkennen. Sutter arbeitet nach traditionellen Handwerksmethoden und mit natürlichen Rohstoffen, um möglichst originalgetreue Ergebnisse zu erhalten. Doch das funktioniert nicht bei allen Arbeitsschritten.
«Die richtige Farbe zu treffen, ist eine der grössten Herausforderungen im Arbeitsprozess», verrät Annika Sutter. Das liege daran, dass sich die Glasurfarben während des Brennens ändern würden. Die Lernende deutet auf die blau bemalten Kacheln. «Dunkelblaue Glasur ist vor dem Brennen im Ofen rosa. Man mischt die Farben also quasi blind.» Dazu komme, dass die Glasurfarben früher bleihaltig waren: Blei als Bestandteil habe dafür gesorgt, dass die Glasur bei niedrigeren Temperaturen gebrannt werden konnte, weiss die Hafnerin in Ausbildung. Das Metall verstärke ausserdem die Intensität der Glasurfarbe. «Aus den bekannten gesundheitlichen Risiken wird Blei heute zum Glück nicht mehr verwendet. Das hat aber zur Folge, dass es unmöglich ist, den ursprünglich verwendeten Farbton nachzumischen», so Sutter. Ein Umstand, mit dem sie sich zuerst habe anfreunden müssen.
«Ich bin ein sehr genauer Mensch. Mit alten, krummen Kacheln und anderen Farbvoraussetzungen kann das Endresultat nun mal nicht perfekt werden», gibt die 22-Jährige zu. «Ich musste deshalb lernen, nicht auf jedes kleine Detail, sondern vielmehr auf das Gesamtbild zu achten. Während dem Arbeitsprozess habe ich manchmal Zweifel, die schwinden aber mit dem Fortschritt.» Ihr Anspruch an sich selbst und ihre Arbeit sei es, dass man das Endprodukt in Ruhe anschauen kann und es insgesamt stimmig wirke. «Man muss kleine Kompromisse eingehen können, dann ist der historische Ofenbau ein wahnsinnig toller Beruf.»
Kompromisse habe die Hafnerei Mischa Casanova auch beim Ausbaustandard mancher Kachelöfen machen müssen, weiss Annika Sutter. «Das tolle an Kachelöfen ist, dass sie nicht nur museumswürdig aussehen, sondern dass sich auch befeuert werden können.» Ihr Lehrbetrieb baue normalerweise ausschliesslich Öfen mit Innenausbau – im Wahrzeichen der Äbtestadt wäre dies aber nicht sinnvoll gewesen: Einige der Öfen können laut der Lernenden aufgrund ihres Standorts nicht an einen Kamin anschlossen werden, weshalb darin stattdessen Heizstäbe verbaut werden. So verhalte es sich auch mit dem Keiser Ofen, an dem sie aktuell arbeitet. Für den Aufbau eines Ofens benötige sie einen guten Monat, für einen ohne Innenausbau gut zwei Wochen – vorausgesetzt, die Kacheln seien bereits vorbereitet. Bis Ende der vergangenen Woche arbeiteten die Hafnerinnen und Hafner von Casanova noch im Hof, nun geht es im «Roten Gatter» weiter. Einmal im Monat haben die WN bestimmte Handwerksarbeiten im Hof zu Wil in den Fokus gerückt. Mit dem Jahr 2025 endet auch diese Artikelserie.
Linda Bachmann
Lade Fotos..